Utz Rachowski, born 1954 in Saxony (East-Germany). He was a former political prisoner in East Germany and was sentenced to 27 months jail because five own poems. After prison expatriation and release through Amnesty International to West Germany. Study of art history and philosophy in West Berlin. Since then, freelance writer of prose, poetry, and radio plays. Since 2003 part-time rehabilitation advising to victims of the GDR dictatorship under the auspices of the Saxony State Commission for the Stasi Files. Readings and lectures throughout Germany, the U.S.A., Sweden, Denmark, Spain, Finland, Senegal, Kenya, Lithuania, and Poland. Works translated into English, Polish, French, Spanish, Serbian, and Finnish. He published 17 books with stories, essays and poetry. 2007 Reiner Kunze-Prize, 2008 Hermann-Hesse-Grant. 2013 in the US nomination for a Pushcart Prize. 2014 Nikolaus-Lenau-Prize. 2017 he received the Prose-Prize of the Society for Contemporary American Literature in German (SCALG) and 2021 the Lisa-and-Robert-Kahn-Poetryprize.

Utz Rachowski, geb.1954. Mit 17 Relegation von der Oberschule wegen Gründung eines Philosophieclubs. Bahnhofsarbeiter. Elektromonteur. Grundwehrdienst. Abitur. Kurzes Medizinstudium in Leipzig, dann Heizer.1979 Verhaftung und Verurteilung zu 27 Monaten Gefängnis wegen fünf Gedichten. Klient von amnesty international. Ausbürgerung im November 1980. Bis 1992 in Westberlin und Göttingen. Studium der Kunstgeschichte u. Philosophie. Rückkehr ins Vogtland 1992. Freier Autor mit Nebenberufen. 2012 Writer in Residence am Gettysburg College (Pennsylvania). Zahlreiche Einladungen an Universitäten und Colleges in den USA, Afrika (Senegal u. Kenia) und Europa. 2007 Reiner-Kunze-Preis. 2008 Hermann-Hessestipendium. Mitglied des deutschen Exil-P.E.N. 2013 in den USA Nominierung für den Pushcart Prize. 2014 Nikolaus-Lenau-Preis f. „Miss Suki oder Amerika ist nicht weit!“ (Polnische Ausgabe 2015, Vorwort von Adam Zagajewski). Prosa-Preis der Society for Contemporary American Literature in German (SCALG) und 2021 Lisa-und-Robert-Kahn-Lyrikpreis (USA).

ÜBER DAS SLAWISCHE HERZ

Das slawische Herz findest du im Gras
der sich streckenden
Wiesen meiner Heimat. Es ist der Mohn
unter den Blumen,
seine Früchte berauschen.

Der Sommer muss warm sein und gelb. Als
Kind musst du
im ersten Heu des Augusts liegen.
Dann, wenn du geduldig gelebt hast und
allein, eines Tages
spricht es aus deinem Mund.

Es ist der Sturm über den Winden, der
Rubin unter
den Stein-Herzen. Sein Puls ist das Licht,
das es
gefangen nimmt und wieder freigibt im
Abendrot,
aber voll Blut.

Das Blut des slawischen Herzens sind die
Einsichten
des siechen Europa mit seinen exilierten
Bewohnern:
Mann und Frau.

Das slawische Herz ist die Träne im Lachen
des Menschen,
mit der er Abschied vom Lachen nimmt, bis
zum letzten
Abschied.

Das slawische Herz ist der Tropfen
Wermuth in der Quelle
der Liebe, die Schramme am blinkenden
Schwert des Todes,
der Rotdorn im Auge der Feigheit, der Rost
an den Stützen
der Welt.

Das slawische Herz liegt zu Füßen der
Schönheit und sitzt
der Macht im Nacken.

Das slawische Herz erhältst du, wenn du dir
zuerst an die
Brust schlägst und dann an die Stirn.

Dann liegt es in deiner Hand, das slawische
Herz zu finden.

LETZTER BRIEF VON HAMLET

„Nur meine und deine, die Stimmen… 
Enträtseln wirst dies alles du allein.“ 
Anna Achmatowa

Ich schreibe dir schreibt Hamlet
ich habe gesehen
das Vogtland die Sonne den Himmel
nachts ab elf die Sterne manchmal
ertrunken über dem Januarschnee
der vogtländische Himmel dröhnt
ich habe gesehen immer ab elf
den Krieg über meinen Kopf hinweg

Hamlet schreibt einen Brief

Morgen achtuhrfünf fliegst du
von Klotzsche nach Sharm El Sheikh
die Seele führt Blut kann essen und sterben
schrieb Moses im dritten Buch dein Krieg in mir
schreibt Hamlet in dieser Nacht

„Zweifl’ an der Sonne Klarheit
Zweifl’ an der Sterne Licht“
sagt tags der Buchhändler:
heute Nacht haben sie Truppen verlegt
über uns waren die großen Transporter

„Zweifl’ ob lügen kann die Wahrheit
Nur an meiner Liebe nicht“
schreibt Hamlet non stop
morgen achtuhrfünf fliegst du
von Klotzsche nach Sharm El Sheikh

Hinauf zum Berge Mose willst du steigen
und dein Karma finden auf dem Sinai
denn dein Leben sei auf Sand gebaut
auf den Kaßberg von Karl-Marx-Stadt
seit die uns von damals trennten
und ich in Walter Jankas Zelle saß
überm Urteil dieses Volkes Namen
dessen Schweigen wir gebrochen
wußt’ ich nichts von andrer Schuld
damals sprach ich dir vom roten Dornbusch
der wie meine Schwüre nie verbrannte
um den Fuß jenes Berges treibt der Sand nun
meine Worte deine Hand wird sie begreifen
morgen fliegst du ab von Klotzsche
achtuhrfünf nach Sharm El Sheikh
schreibt Hamlet in dieser Nacht

Dein Krieg der in mir dröhnt
über mein Herz hinweg
Schatten ziehen am Himmel
ertrunken über dem Januarschnee
gegen die Sterne sah ich
so weiß wie mein Gesicht
die großen Transporter flogen
Richtung Persischer Golf
schreibt Hamlet in dieser Nacht

Im Osten fällt wieder der Schnee
vom vergangenen Jahr aber du
willst es warm haben
auf dieser Welt ich weiß
morgen achtuhrfünf fliegst du
von Klotzsche nach Sharm El Sheikh
und geh’ ins Kloster wenn auch in Klotzsche
Krieg ist ich habe dich nie geliebt
schreibt Hamlet eine andere vielleicht
eine Göttin vom Roten Meer in andrer Zeit
aber in mir scheint die Sonne nicht mehr
im Vogtland hörten die Sterne zu leuchten auf
die Dornen die wir setzten unserem Volk sind Asche

Ich habe nur noch Angst um mich selbst
schreibt Hamlet und einer wie dir
passiert vielleicht nichts aber mir
beides – in deinen Augen sah ich die grünen Schiffe
ziehen gemächlich nach Arkadien hinauf ohne Hast
schrieb ich dir
der Krieg über meinem Kopf dein Krieg in mir
morgen von Klotzsche
nach Sharm El Sheikh fliegst du
um achtuhrfünf
von einem in den anderen

Schreibt Hamlet in seinem letzten Brief

Der Rest ist wenn du dich erinnerst und
meine Worte je dir etwas sagten Schweigen

DER KALTE KRIEG IST LANGE VORBEI

Mein Herz war schon ’ne Kugel
Eis und ich ging wieder los
zum Checkpoint Charly
wo jeden Tag die Russen stehn’
mit Marussjas Babuschkas
und Armbanduhren
denn ihre Zeit lief ab
ich fragte gleich nach Makarow
und schlug die Augen nieder
auf jenen bronznen Strich
wo einst die Mauer stand verlegen
der Russe sagte kanjeschno klar!
kannst du die haben für achthundert
ich sah jetzt in den Himmel überm
alten Postenturm und dacht’ an dich
am Strand von Sharm El Sheikh
umarmt mit einem Andern
der Russe fragte und wie viel Schuss
das macht dann nochmal zehn pro Stück
ich lass auch mit mir handeln
ich sah ihn an und sagte – einen
und spürte wie die Mauer wuchs
der Russe sagte das kann ich nicht
und sah mit mir zum Himmel
als sucht’ auch er dort Rat
er gab mir dann für’n halben Preis
’ne alte Taschenuhr mit Deckel und
und drei Parzen drauf er rief mir nach
komm’ nie wieder lass die entscheiden
die Zeit der Helden gegen sich ist aus
und lass dich demnächst scheiden!

Ich ging zurück zum Mauerstrich
aus Bronze rief nein! das hast du falsch
gelernt an deiner dummen Schule
nicht schießen! waren deren letzte Worte
sie wollten keine Helden sein nur Liebe
wie du und ich der Russe rollte die Augen
sagte bewiesen ist nichts Jessenin hat noch
gespart an seinem Strick ein echter Bauer
was soll hier Liebe wer glaubt noch dran
höchstens mal du und ich als könnt’ ich’s
riechen einen Schuss verlangt ihr dann
und die Großmütter bleiben stehn’ auf dem
Tisch ineinander verwundert und schön
komm jetzt sagte ich – du Großmutter!
zog den Russen am Mantel aus Pelz
lud ihn ein ging zwei Schritt’ nebenan
von Makarows Geld noch kräftig einen
zu nehmen hinein ins „Café Adler“
zu diesen traurigen Menschen!
wir schrien’ ziemlich rum sangen einander zu
„Ach lass die Kraniche mit ihrer Trauer ziehn’“
und „Rede – Genosse Mauser!“ und nochmals
„Bedauer’ nichts und nichts mehr tut noch weh!“
auf allen Stühlen saß der Neue Mensch
nicht Mann noch Frau nicht warm nicht kalt
seine Berufung – er hat die Liebe aus der Welt
geschafft glotzte rum blieb aber stumm
– wir polierten ihm seine vielen Fressen!

Gib’s diesen Vögeln! rief der Russe mir zu
bei vögeln dacht’ ich wieder kurz an dich
zog meine Taschenuhr ließ die Parzen kalt
springen das beruhigte sogar den Russen
wir zogen heim unter friedlichen Himmeln
wollten den Baikal auf einer Nussschale zwingen
es war schon spät am Tag während du sankst
unter dem gleichen Himmel erschöpft
aus dem Arm des Anderen
unten am Strand von Sharm El Sheikh
der Krieg war längst vorbei so schien’s uns
mir und dem Russen der mir verweigert die Wumme
gerettet! es schlug mein Herz geschwind zur U-Bahn
es war getan fast eh’s gedacht – wir fuhren schwarz
ich hatte noch Bier im Schrank und leere Flaschen
mit Pfand der Russe sang in meiner Küche
von schwarzen Raben und Kranichen schneeweißen
wir bedauerten nichts und mir tat nichts mehr weh
Ich habe gewartet einen Winter auf dich

THE SLAVIC HEART

You can find the Slavic heart in the grass
of the vast
meadows of my home land. It is the poppies
among the flowers,
their fruit pleasantly intoxicating.

The summer has to be warm and yellow. As
a child you have to
lie in August’s first hay.
Then when you have lived patiently and
alone, some day
it speaks from your mouth.

It is the storm above the winds, the
ruby among
the hearts of stone. Its pulse is the light
that it
captures and releases again in
the sunset,
but full of blood.

The blood of the Slavic heart has within it the
deeper insights
of the ailing Europe with its exiled
inhabitants:
man and woman.

The Slavic heart is
the tear in people’s laughter
with which they say farewell to laughter until
the last
farewell.

The Slavic heart is the drop of
Vermouth at the spring
of love, the scratch on the shining
sword of death,
the hawthorn in the eye of cowardice, the rust
on the pillars
of the world.

The Slavic heart adores
beauty and is
a pain in the neck of the mighty

You gain the Slavic heart if
first you
pound your chest and then your forehead.

Then it is up to you to find
the Slavic heart.

Translation by Jane and Wolfgang Müller (USA)

HAMLET’S FINAL LETTER

Only two voices: yours and mine.
All this you alone will decipher …
– Anna Akhmatova

I’m writing you writes Hamlet
I have seen
the Vogtland the sun the sky
after eleven the stars sometimes
drowned above the January snow
the Vogtland sky drones
I have seen always late at night
that war passing high above my head

Hamlet is writing a letter

Tomorrow at 8:05 you fly
from Klotzsche to Sharm el-Sheikh
life runs in the blood who consumes it shall perish
wrote Moses in his third book your war inside me
writes Hamlet this very night

“Doubt thou the stars are fire
Doubt that the sun doth move”
the bookseller says next morning:
last night they were moving troops out
those were cargo planes overhead

“Doubt truth to be a liar
But never doubt I love”
writes Hamlet non-stop
tomorrow at 8:05 you fly
from Klotzsche to Sharm el-Sheikh

Up Moses’ mountain you want to climb
and find your karma on Mount Sinai
for your life you say is built on sand
on the Kassberg heights in Karl-Marx-Stadt
ever since they parted us from time now past
and I served out in Walter Janka’s cell
a sentence passed in the name of this people
whose silence we had broken
I knew of no other guilt
back then I told you of the burning thorn bush
that like my oaths was not consumed by fire
at the foot of that mountain sand drifts now

my words your hand will comprehend them
tomorrow you fly out of Klotzsche
the 8:05 to Sharm el-Sheikh
writes Hamlet on this night

Your war that drones in me
off above my heart
shadows cross the sky
drowned above the January snow
against the stars I saw
as white as my own face
the cargo planes were flying
headed for the Persian Gulf
writes Hamlet on this night

In the East the snow of last year
is falling again but you
want the warm places
in this world I know
tomorrow at 8:05 you fly
from Klotzsche to Sharm el-Sheikh
and to a nunnery go if there is also war
in Klotzsche I loved you not
writes Hamlet another perhaps
a goddess from the Red Sea in other time
but inside me the sun shines no more
in the Vogtland the stars no longer shone
the thorns we held up to our people are ashes

I now fear only for myself
writes Hamlet and someone like you
may have nothing to fear but I
must fear both – in your eyes I saw the green ships
sailing languidly up to Arcadia unhurried
I wrote you
the war passing over my head your war inside me
tomorrow from Klotzsche
to Sharm el-Sheikh you fly
at 8:05
from the one into the other
writes Hamlet in his final letter

The rest is if you still remember
and my words ever meant anything to you silence

Translation by Michael Ritterson (USA)

  • Motto: lines from two poems by Akhmatova: Два лишь голоса: твой и мой. from Cinque, 2 (Dec. 20, 1945); and Всё это разгадаешь ты один. . . from (untitled, 1938).
  • Vogtland: Rachowski’s home region in SW Saxony.
  • Klotzsche: main airport serving Dresden.
  • Sharm el-Sheikh: resort on the Red Sea coast of the Sinai Peninsula.
  • Kassberg: district in Karl-Marx-Stadt (now again named Chemnitz), site of a holding facility for political prisoners being expatriated to the West, especially during the 1980s.
  • Walter Janka (1914-1994): one of the best-known political prisoners in the GDR. With the frequent changing of cell assignments in Kassberg, there is a good chance the poet spent time in a cell that Janka had occupied.
  • third book: Leviticus (17:10-14; cf. also Gen. 9:4).

THE COLD WAR IS LONG SINCE OVER

My heart was already a bullet
of ice and I set off again
for Checkpoint Charlie
where every day the Russians stand
with matryoshkas babushkas
and wrist watches
because their time has run out
I asked right away for Makarov
and lowered my eyes and looked
at that single strip of bronze
where once the wall had stood embarrassed
the Russian said konyezhno sure!
you can have for eight hundred
now I looked at the sky above the
old guard tower and thought of you
on the beach at Sharm el-Sheikh
embracing someone else
the Russian asked me and how many rounds
that’d be another ten apiece
or you can make me an offer
I looked at him and said – just one
and sensed the wall rising again
the Russian said I can’t do that
and looked at the sky with me
as if the answer were there
he gave me then for half the price
an old pocket watch with a cover and
the three Fates on it he called after me
and don’t come back let them decide
the age of suicidal heroes is past
and why not just get a divorce!

I walked back to the strip of bronze
for the wall, yelled no! you got it wrong
what you learned at your stupid school
don’t shoot! were the last words they spoke
they weren’t after heroism just love!
like you and me the Russian rolled his eyes
said it doesn’t prove anything Yesenin too
was stingy with his noose a real farmer
what’s this about love who still believes that
at most just you and me as if I could
smell it you all just want a single round
and the babushkas just stay there on the
table nested together perplexed and cute
come on now I said – you babushka!
pulled the Russian by his fur coat
this one’s on me just a few steps away
said we’ll get a stiff drink with
Makarov’s price so off to the Café Adler
with all those pitiful people!
we got pretty loud sang to each other
“Ah, let the flying cranes bear all their grief away”
and “Speak now, comrade Mauser!” and once more
“Have no regrets and suffer pain no more!”
on every chair was sitting the New Man
not man nor woman not warm not cold
this is his high calling – he has rid the world of love
looked all around stared at us but made no sound
– we punched in all his many faces!

Let these screwballs have it! the Russian yelled to me
screwing briefly reminded me of you
pulled out my pocket watch made the three Fates
jump that seemed to calm even the Russian
we headed home under peaceful skies
sang that we’d conquer Baikal sailing just a walnut shell
it was already late in the day as you sank
under that very same sky exhausted
from the arms of the other one
down on the beach at Sharm el-Sheikh
the war was long since past it seemed to us
me and the Russian who’d refused me the pistol
rescued! my heart beat fast now quick to the subway
no sooner said than it was done – we jumped the turnstile!
I had more beer in the fridge and empty returnable
bottles the Russian sang there in my kitchen
of pitch-black ravens and cranes snowy white ones
we had no regrets and I suffered pain no more
I waited another winter for you

Translation © 2012 by Michael Ritterson

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